Die Krippen-Debatte

log-tr
DT Nr. 25 vom 27.02.2007

a) 
Fakten statt Hysterie - Die Krippen-Debatte braucht dringend Sachlichkeit  -  Jürgen Liminski
b)  Kein Wille, kein Weg  Markus Reder 
c) 
Verdrängte Erfahrung aus ideologischen Gründen  -  Johannes Schwarte
          Negative Befunde über Kindertagesstätten werden in der familienpolitischen Debatte missachtet 

Krippe
Diese Feststellung Matëjçeks weist auf das Dilemma hin, das in modernen Gesellschaften aus der Konkurrenz der Bedürfnisse des kleinen Kindes mit den Lebensentwürfen der Erwachsenen entstanden ist. (Vorwort aus "Elternnähe oder Krippen? - Grundbedürfnisse des Kindes - Zur Information der Abgeordneten des Deutschen Bundestages, der DDR-Volkskammer und der Bundesländer", Johannes Pechstein, Deutsche Liga für das Kind, Strüder Verlag, Neuwied, © 1990, ISBN 3-87796-104-21      (Hinweis zu Matejcek)


http://www.die-tagespost.com/Archiv/titel_anzeige.asp?ID=30126

Fakten statt Hysterie - Die Krippen-Debatte braucht dringend Sachlichkeit
– Geschrei führt nicht weiter –  Was hilft, ist zum Beispiel ein nüchterner Blick ins Ausland –
Eine Analyse
DT vom 27.02.2007
Von Jürgen Liminski

Die Diskussion, man sollte besser sagen, das Geschrei verläuft klassisch. Die Vertreter des politisch-medialen Establishments glaubten schon die Oberhand gewonnen zu haben über die Handvoll Leute aus ihren eigenen Reihen, die auf das Kindeswohl und die Schäden der Krippenbetreuung hingewiesen hatten, als der Augsburger Bischof Walter Mixa rief: Der Kaiser ist ja nackt. Das Establishment ist im Nerv getroffen. Die nackte Tatsache ist das Bestreben des gesellschaftlich herrschenden Milieus, alles in Funktion der Arbeit, der Produktion, des wirtschaftlichen Wachstums zu sehen. Das erinnert an die „totalitäre Arbeitswelt" vor der schon Ernst Jünger warnte. Insofern hat eine Sonntagszeitung recht, wenn sie diese Debatte als „Kulturkampf" bezeichnet.

Auf der einen Seite geht es um die Produktion, um die Vorfahrt für die Arbeit, also um die Sache, auf der anderen Seite um die Person, um den Vorrang für die Beziehung, also um den Menschen. Auch das ist symptomatisch: Die Vertreter der „Beziehungsfraktion" gebrauchen zwar starke Worte („Gebärmaschine", „ideologische Verblendung"), aber sie greifen nicht persönlich an. Dass Vertreter des sozialdemokratisch geprägten politischen Establishments, der „Arbeitsfraktion", zu der in dieser Frage nun auch offen die Unionsspitze zu zählen ist, diese immerhin noch zur Sache geäußerten Worte als persönlichen Affront für die Ministerin interpretieren, gehört zu den Merkmalen einer emotional bis wütend geführten Debatte. Sie vergessen, dass diese Worte allzu gern auch von ihren eigenen Vertretern gebraucht wurden, wenn es darum ging, die Kirche zu verunglimpfen.

Dass aber ein prominenter Vertreter dieses Establishments, der Vorsitzende der SPD, Kurt Beck, mit persönlich beleidigenden Witzen versucht, die Argumente des Bischofs und damit auch der anderen Bischöfe zunichte zu machen, das zeigt den Grad der politischen Verblendung in der Sache. Hier wird Hass und Verachtung geschürt, so dass eine vernünftige Debatte nicht mehr möglich ist.

Keine Rede von Wahlfreiheit

Auch die gebetsmühlenartig vorgetragenen Wünsche der Kanzlerin nach mehr Kinderfreundlichkeit führen nicht weiter. Das moderne Krippenspiel entscheidet sich nicht in den Medien, sondern in einem Kreis von vier, fünf Schlüsselbegriffen. Diese wären zu versachlichen. Dazu gehören eine ehrliche Definition der Wahlfreiheit, die tatsächliche Meinung der Bürger und die Wirkungen der Krippenbetreuung, die Kostenfrage und dazwischen immer wieder auch der faktische Blick ins Ausland.

Schon eine kurze Bedarfsrechnung zeigt, wie ideologisch die Debatte von den Vertretern des Berliner Establishments geführt wird: Frau von der Leyen will in den nächsten sechs Jahren 500 000 Krippenplätze zusätzlich schaffen, insgesamt ergäben das 750 000. Damit läge man dann bei einer Quote organisierter Ganztagsbetreuung von 35 Prozent. Im vergangenen Jahr wurden jedoch vermutlich weniger als 700 000 Kinder geboren (die offiziellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes liegen noch nicht vor) aber schon 2005 lag die Zahl unter 700 000. Angesichts der schwindenden Anzahl geburtsfähiger Frauen wird die Zahl selbst bei einer anhaltenden Geburtenquote von 1, 36 noch weiter sinken, die Demographen errechnen ein Absinken unter 600 000 bis Mitte des nächsten Jahrzehnts.

Wir hätten also schon 2013 nur knapp 1, 9 Millionen Kinder unter drei Jahren. Wenn ein Jahrgang das Elterngeld in Anspruch nimmt, was wahrscheinlich ist, kommen 1, 2 Millionen in Frage, das wäre dann bei 750 000 Krippenplätzen schon eine organisierte Betreuungsquote von rund 65 Prozent. Aber so viele Frauen wollen die Kinder gar nicht in die Fremdbetreuung geben. Im Gegenteil. Wenn sie könnten, würden sogar mehr als zwei Drittel ihre Kinder selber erziehen. Könnten die Mütter frei entscheiden, bräuchte man nur 450 000 Krippenplätze. Es wird also eine Struktur geschaffen, die auch Realitäten und Bedürfnisse schaffen soll. Dieses Bedürfnis kann man zusätzlich erzwingen, indem man die Option des Zuhause, mithin die Wahlfreiheit, ökonomisch weiter einschränkt.

Zu diesem Schlüsselbegriff, der Wahlfreiheit, sollte man ehrlicherweise sagen, dass sie per definitionem nur gegeben ist, wenn die Familie tatsächlich die zwei Optionen hat, nämlich Fremdbetreuung oder Selbstbetreuung und zwar ohne Nachteile in dem einen oder anderen Fall. Schon heute aber werden Eltern verschärft dazu gezwungen, zu zweit einem Erwerbsberuf außer Haus nachzugehen, weil die Große Koalition durch ihre familienfeindlichen Kürzungen (Eigenheimzulage, Kindergeld, Pendlerpauschale) und Erhöhungen (Ökosteuer, Mehrwertsteuer) den Entscheidungsspielraum der Familien existenziell eingeengt hat.

Echte Wahlfreiheit würde bedeuten, diesen Spielraum zu vergrößern, und zwar nicht nur im Sinne eines auf diese Zwänge eingehenden erhöhten Betreuungsangebotes, sondern auch im Sinne des Bundesverfassungsgerichts, das aus Gründen der Gerechtigkeit die erzieherische Leistung der Familien anerkannt sehen will. Karlsruhe spricht hier von einem „generativen Beitrag", den die Eltern für die Bestandserhaltung der Sozialsysteme erbringen.

Die CDU hat das früher auch so gesehen und in ihrem Wahlprogramm sogar in Zahlen gefasst, etwa den steuerlichen Freibetrag von 8 000 Euro/Jahr pro Person einer Kernfamilie oder von 50 Euro/Monat Abzug pro Kind beim Rentenbeitrag. Aber daran haben die SPD-Minister Müntefering und Steinbrück und auch die CDU-Politikerin von der Leyen, deren einflussreichster Berater im Familienministerium früher Planungschef im Willy-Brandt-Haus war, offensichtlich kein Interesse. Wenn aber die wirtschaftlich ohnehin schmale Basis noch weiter geschmälert wird, so wie das aktuell geschieht, dann kann man von Wahlfreiheit für alle nicht mehr sprechen.

Bei der von Merkel, Pofalla und von der Leyen angemahnten Wahlfreiheit geht es vorrangig um die Wahlfreiheit der Mitglieder des Establishments, die für eine Fremdbetreuung genug Geld haben, aber nicht genügend Krippenplätze. Man kann sich nur schwer des Verdachts erwehren, dass der Zwang zur Erwerbsarbeit auch für andere gewollt ist. Frau Merkel sagt es so: „Wir können uns einfach nicht damit zufrieden geben, dass ein guter Teil unserer jungen Akademikerinnen, aber auch der Akademiker, keine Kinder haben." Es geht auch um mehr Kinder, was angesichts der demographischen Entwicklung ein legitimes Petitum ist, das aber nicht mit einer einseitigen Wahlfreiheit verbrämt werden sollte.

Zweitens: Eine letzte Woche veröffentlichte Umfrage der Innofact AG unter 1 071 Müttern hat frühere Umfragen mit demselben Tenor bestätigt. Sie ergab, dass zwar 82 Prozent der Deutschen einen Ausbau der Krippenbetreuung für sinnvoll halten, und auch im vermeintlich traditionelleren Westen der Republik sind es nach einer Emnid-Umfrage für den Sender N24 immerhin 78 Prozent, aber das heißt noch lange nicht, dass die Krippe als das Nonplusultra gilt: 72 Prozent der Westdeutschen finden die Betreuung der Kleinsten durch Mutter und Vater am besten. Im sozialistisch geprägten Osten gibt eine knappe Mehrheit der Krippe den Vorzug. 86 Prozent aller Deutschen finden zugleich, dass die Arbeit nicht-erwerbstätiger Mütter zu wenig gewürdigt wird. Wer hier eine Kluft zwischen den Generationen vermutet, täuscht sich: Selbst von den Frauen unter 30 wünscht sich eine große Mehrheit mehr Anerkennung für die Hausfrauen unter den Müttern.

Mit anderen Worten: Wenn es echte Wahlfreiheit gäbe, dann bräuchte man großzügig gerechnet in zwei, drei Jahren allenfalls 300 000 zusätzliche Krippenplätze. Denn mit dann 550 000 Plätzen würde man ein Drittel des theoretisch möglichen Bedarfs decken, aber hundert Prozent des wahrscheinlichen. Der wirkliche Bedarf liegt woanders: Bei der Wirtschaft, die alle jungen gut ausgebildeten Frauen braucht, denn der Fachkräftemangel ist schon heute spürbar.

Was nun, drittens, die Wirkung der Krippenbetreuung angeht, so sagen selbst regierungsnahe Experten und Berater, dass man frühestens ab 18 Monaten ein Kind von der Mutter trennen sollte. Ansonsten tobt hier ein Expertenkrieg, bei dem sich die Bindungsforscher in Deutschland erstaunlich zurückhalten, während sie im Ausland immer deutlicher vor den Folgen der Fremdbetreuung warnen, etwa in Großbritannien, aber auch in Frankreich und Schweden. Ideologisch wird es wieder, wenn die Familienministerin empfiehlt, die Kinder „in professionelle Hände zu geben". So redet man, wenn man Sozialengineering betreibt und die liebende Beziehung zwischen Mutter und Kind außer Acht lässt, sondern auch die Bindungsqualität als zweitrangig ansieht. Und wenn man den Beruf der Mutter nicht anerkennen will.

Misstrauen gegenüber Eltern

Es kommt aber, wie die Hirn-und Bindungsforschung in zahlreichen Studien ergeben hat, auf die individuelle Förderung an. Und niemand kann individueller fördern als die Mutter. Die professionellen Erzieherinnen verrichten einen Job, sicher oft mit viel Hingabe, aber dennoch nur acht Stunden lang. Die Mutter liebt, wenn es sein muss rund um die Uhr. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Betreuung und Erziehung. Hinzu kommt, dass die Förderkapazität bei sechs, sieben Kindern erschöpft ist, dann gilt nur noch das Betreuungsprinzip: Sauber, satt, beschäftigt. In Krippen und Kindergärten liegt die Zahl der betreuten Kinder heute schon weit höher. In Finnland und Frankreich hat man aus solchen Erkenntnissen einen doppelten Schluss gezogen: Zum einen baut man das Institut der Tagesmutter aus und diese darf nicht mehr als vier Kinder betreuen.

Apropos Ausland: Das Superbeispiel Frankreich mit seinen flächendeckenden Betreuungseinrichtungen ist nur sehr partiell beispielhaft. Zum einen wird in Frankreich die Subjektförderung betrieben, man gibt den Eltern das Geld in die Hand oder lässt ihnen das selbst erwirtschaftete und schafft damit echte Wahlfreiheit. In Deutschland dagegen frönt man der Objektförderung, man investiert in Planstellen und Gebäude, man vertraut dem Staat und misstraut den Eltern.

Aber auch in Frankreich liegt ein ideologischer Graben zwischen den Befürwortern der arbeitsorientierten Familie auf der einen und den Befürwortern einer familienfreundlicheren Wirtschaft auf der anderen Seite. Hier ist, allerdings im Unterschied zu Deutschland, auch die parteipolitische Linie noch zu sehen. Die Bürgerlichen neigen der personalen Betreuung zu, die Linken der staatlichen. Übrigens liegt die Frauenerwerbsquote insgesamt noch unter der deutschen. Und zu dem ebenfalls häufig genannten Vorbild Schweden wäre aktuell zu bemerken, dass man nun verstärkt selbst ins Ausland schaut und von der Tschechischen Republik sowie von Finnland und Norwegen lernen will. Dort wird die elterliche Erziehung bezahlt. Ab 2008 bekommen nun Familien in Schweden 300 Euro monatlich, wenn sie ihr Kind zu Hause erziehen. Bisher gab es staatliche Unterstützung nur für Eltern mit Job.

Offensichtlich machen die Schweden eine einfache Rechnung auf: Die Erziehung zu Hause ist in der Regel mehr wert und mittelfristig auch für den Staat rentabler. Die Kostenfrage, vierter Punkt, wird auch in Deutschland in den Blickpunkt der Debatte rücken, ähnlich wie die Bedarfsrechnung. Frau von der Leyen spricht von drei Milliarden Euro. Sie wird die Zahlen demnächst begründen. Das ist nötig.

Denn nach den Zahlen eines ihrer treuesten Verbündeten, des nordrhein-westfälischen Familien-und Frauenministers Armin Laschet, kostet ein Krippenplatz pro Jahr mindestens 16 000 Euro, wahrscheinlich aber gut 20 000 Euro. Selbst bei der sparsamen Variante entstünde bei 500 000 zusätzlichen Plätzen ein Finanzierungsvolumen von mindestens acht Milliarden Euro. Man sieht im Geiste schon Kabinettsfreund Steinbrück weise lächeln. Der SPD-Mann will ja noch nicht einmal die drei Milliarden investieren, sondern allenfalls durch Umschichtung innerhalb der Familien aufbringen, was wiederum verfassungsrechtliche Hürden auftürmen würde.

So ist zu vermuten, dass die Debatte so endet wie das Kreißen des Berges. Das umso mehr, als die Bundeskanzlerin sich deswegen kaum die Machtfrage stellen dürfte. Aber darum geht es, denn die Frage der Zukunft der Familie ist eine Frage der Macht, weil das Volk, die Wählerschaft, in dieser Frage ganz andere Vorstellungen hat als das politisch-mediale Establishment in Berlin. Dazu passt ein anderer Umfragebefund. Auf die Frage nach dem Familienbild der Ministerin, das ja auch das der Kanzlerin und der Unionsspitze ist, finden nicht einmal 13 von hundert Frauen, dass dieses mit den „Lebens- und Alltagsrealitäten" der deutschen Durchschnittsmutter übereinstimme.

Zudem sind da auch noch die Väter. Dieser erhobene Zeigefinger der Familienpolitiker, hinter dem sich heute nicht selten die neue Ideologie des Gender-Denkens verbirgt, darf natürlich nicht übersehen werden. Sicher, es gibt die neuen Väter. Und die Männer könnten viel dazu beitragen, dass die Vereinbarkeit, die de facto eine Doppelbelastung der Frau bedeutet, besser ermöglicht würde. Aber viel wäre schon damit gewonnen, wenn mehr Männer Väter würden. Ihr definitives Nein zur Vaterschaft wegen der Karriere macht einen Großteil der Krippendebatte überflüssig. Im Beckschen Witz vom kastrierten Kater schwingt daher auch etwas Ahnungsvoll-Bedrohliches mit. Könnte es sein, dass dieses Etikett auch auf das politische Establishment, vielleicht sogar auf die Republik geklebt werden kann?
top



Kein Wille, kein Weg
DT vom 27.02.2007
http://www.die-tagespost.com/Archiv/titel_anzeige.asp?ID=30146
Markus Reder

Nun ist die Diskussion um die Kinderkrippen genau da gelandet, wo sie nicht hingehört: im Niveaulosen. Schuld daran ist nicht die eine oder andere provokative Wortmeldung, die es in politischen Debatten immer gibt, sondern eine grundsätzliche Taubheit für Argumente. An die Stelle sachlichen Auseinandersetzung ist plumpe, ja peinliche Polemik getreten. Das hilft absolut niemandem. Am wenigsten Familien und Kindern.

Der Witz vom „kastrierten Kater", mit dem SPD-Chef Beck auf die Äußerungen des Augsburger Bischofs Mixa reagierte, war nicht nur grob unverschämt. Diese Entgleisung ist ein Musterbeispiel dafür, dass man es nicht mehr für nötig hält, danach zu fragen, was eigentlich genau gesagt wurde und gemeint war. Das Feindbild steht. Der Rest ist Formsache. Eben deshalb dreht sich die Diskussion seit langem im Kreis. Der Niveaurutsch ist dann zwangsläufig. Das belegt auch ein anderes Beispiel. Bischof Huber, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), hat die Politik der Familienministerin gegen Mixas Kritik verteidigt und seiner Krippen-Apologetik den Hinweis nachgeschickt, er sage das gerade auch als Vater. Dieser bissige Fingerzeig in Richtung seines katholischen „Amtsbruders" war ebenso überflüssig wie bezeichnend. Ginge es danach, dürften sich künftig auch die Kanzlerin und viele andere Kinderlose, die politische Verantwortung tragen, nicht mehr zu Fragen der Kinderbetreuung äußern. Je abstruser die Wortmeldungen werden, um so deutlicher wird eines: Die Diskussion ist an die Wand gefahren.

Dass es auch anders geht, zeigte am Sonntagabend die Talkshow „Sabine Christiansen". In der Sendung betonte Bischof Mixa, er fühle sich mit seiner Kritik an der Familienpolitik der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) missverstanden. Seine Äußerung, der von der Ministerin geforderte Ausbau der Kinderbetreuung degradiere die Frauen zu „Gebärmaschinen", sei aus dem Zusammenhang gerissen worden. Mixa machte deutlich, dass seine Kritik an der massiven Aufstockung der Krippenplätze ein Einsatz für die Frauen sei. Denn auch allein erziehende Mütter oder Frauen in engen finanziellen Verhältnissen müssten frei wählen können, ob sie einen Krippenplatz in Anspruch nehmen oder die ersten drei Jahre bei ihrem Kind bleiben. Deshalb müsse neben einer Ausweitung des Krippenangebotes die finanzielle Förderung für Frauen verbessert werden, die ihre Kinder in den ersten Lebensjahren zu Hause erziehen wollen. In der gesellschaftlichen Debatte dürften nicht die berufstätigen „Rabenmütter" gegen die „Heimchen am Herd" ausgespielt werden, forderte der Bischof. Klar sei freilich, dass die Krippenbetreuung nicht das Beste für ein Kind sei, zitierte der Bischof die Bundeskanzlerin, die das in einem ebenfalls am Sonntag erschienenen Interview gesagt hatte. Mixa brauchte knapp fünf Minuten, um seine Position zu erklären. Das genügte. Fünf Minuten zuhören, ausreden lassen. Fünf Minuten ohne hitzige Replik. Die Folge: Allgemeines Erstaunen, dass der Kirchenmann ganz offensichtlich mitten im Leben steht und keineswegs realitätsblind ist. Die Kirche tritt nicht an, Kinderkrippen zu verteufeln. Sie sorgt sich um das Wohl der Kinder und macht sich für eine echte Wahlfreiheit der Eltern stark. Das sind gewiss keine Glaubensfragen, wohl aber Grundsatzfragen von fundamentaler Bedeutung.

„Wo eine Wille ist, ist auch ein Weg", hat Bundeskanzlerin Merkel im Blick auf die Finanzierung des Krippenausbaus am Wochenende gesagt. Das heißt im Umkehrschluss: Wo die Politik bestimmte Wege nicht beschreitet oder schlimmer noch abriegelt, da fehlt es am politischen Willen. Eben deshalb hat die Krippenoffensive von Frau von der Leyen Schlagseite. Warum um alles in der Welt fehlt der Familienministerin der politische Wille, auch die häusliche Erziehungsarbeit zu fördern? Warum setzt die neue Familienpolitik der Union einseitig und ausschließlich auf ein Familienmodell? So lange führenden Unionsvertretern dazu nichts anderes einfällt als ein blindes „Weiter so", haben all jene Recht, die einen solchen Politikentwurf unter Ideologieverdacht stellen. Besonders aufschlussreich sind diesbezüglich auch die Finanzierungsvorschläge für den Krippenausbau. Gestern hat die SPD ihr Konzept vorgelegt. Die Sozialdemokraten wollen in den Haushalten von Bund, Ländern und Kommunen insgesamt 6,3 Milliarden Euro für die bessere Förderung von Kindern und Familien umschichten. Der massive Ausbau der Krippenplätze und pädagogische Verbesserungen in den Horten sollen unter anderem auch durch einen Verzicht auf die kommende Kindergelderhöhung in Höhe von zehn Euro monatlich finanziert werden. Durch Abstriche beim Ehegattensplitting sollen weitere 1,9 Milliarden eingespart werden.

Das ist keine Familienförderung. Das ist grauenhafte Umverteilungspolitik und ein weiterer Schritt in Richtung Verstaatlichung der Erziehung auf dem Rücken der Eltern. Dieses SPD-Konzept ist brutal unsozial. Von solcher Rechte-Tasche-linke-Tasche-Politik haben Familien die Nase gründlich voll. Immer deutlicher zeigt sich, dass es um die „Lufthoheit über den Kinderbetten" geht und nicht um die tatsächlichen Interessen von Familien. Einen Fehler sollten Politiker aller Parteien nicht machen: Familien für dumm verkaufen. Das rächt sich bitter. 
top


Verdrängte Erfahrung aus ideologischen Gründen
Negative Befunde über Kindertagesstätten werden in der familienpolitischen Debatte missachtet
DT vom 16.11.2006
Von Johannes Schwarte

„Gebranntes Kind scheut das Feuer„, behauptet das Sprichwort. Es enthält die Überzeugung, dass Menschen aus Erfahrungen lernen können und bemüht sind, zumindest unangenehme Erfahrungen kein zweites Mal zu machen. Zweifellos ist es ein Zeichen von Klugheit, wenn Menschen bemüht sind, sich (eigene oder fremde) Erfahrungen zunutze zu machen.

Gilt dies auch für Gesellschaften und Staaten? Für Deutschland offensichtlich nicht; jedenfalls nicht in der Familienpolitik. Denn sie setzt sich über wichtige Erfahrungen mit Kinderbetreuungseinrichtungen achtlos und unbekümmert hinweg. Sie propagiert die Berufstätigkeit von Müttern kleiner Kinder und den Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen, als lägen dazu keine Erfahrungen vor, die eine verantwortliche, am Kindeswohl orientierte Politik unbedingt zu beachten hätte.

Gewollte Zerstörung der Familie


Nachfolgend sollen zwei Erfahrungsberichte ausführlicher referiert werden, um zu zeigen, wie erfahrungsignorant und aufklärungsresistent die aktuelle Familienpolitik in Deutschland ist. Der erste stammt von einem Schweden namens Jan-Olaf Gustafsson. Er ist Komiteemitglied der Family Compaign Foundation of Sweden und hat seinen Erfahrungsbericht 2001 in der Zeitschrift „Human Life International„ (4/2001) veröffentlicht (inzwischen in deutscher Übersetzung nachzulesen unter: http://www.der-fels.de/2002/02-2002.pdf). Seine Kritik ist so schwerwiegend, dass sie unbedingt in die öffentliche familienpolitische Debatte eingeführt und von dieser beachtet werden muss.

Zur Begründung seiner Kritik weist Gustafsson darauf hin, dass Schweden außer dem Ostblock „die längste Tradition von Tagesstätten für Kleinkinder (hat), die durch die Regierung eingerichtet wurden„. Er halte sich verpflichtet, auf die schwedischen Erfahrungen aufmerksam zu machen, „weil viele Länder rund um die Welt dabei sind, unsere Kindertagesstätten zu kopieren, die jetzt nach 25-jähriger Erfahrung in Schweden sich als das größte soziale und wirtschaftliche Desaster des Jahrhunderts entpuppen„.

Gustafssons Kritik beruht auf persönlicher Erfahrung aus nächster Nähe: Seine Frau ist diplomierte Kinderpflegerin für Kindertagesstätten und war bis zur Geburt ihres ersten Kindes in ihrem Beruf tätig. Sie wollte ihr eigenes Baby keiner Kindertagesstätte anvertrauen, weil „keine fremde Person in der Lage sei, einem Kind die Liebe und Aufmerksamkeit entgegenzubringen, die der liebenden Verbindung zwischen einem Elternteil und dem Kind entspricht„, wie sie zu ihrem Mann sagte. „An manchen Abenden kehrte sie heim und weinte um ihre kleinen Kinder, die wie lebende Pakete morgens abgeliefert und abends von ihren Eltern abgeholt würden„, berichtet er über seine Frau. Die schwedische Einkommensteuergesetzgebung von 1971 habe es der durchschnittlichen schwedischen Familie praktisch unmöglich gemacht, mit einem Gehalt auszukommen. Dies sei „einer der Meilensteine auf dem Wege zur Zerstörung der traditionellen Familie in unserem Land„ gewesen. Diese Zerstörung sei politisch absichtsvoll aus ideologischen Gründen erfolgt. „Tausende und Abertausende von Eltern in unserem Land wurden diskriminiert, nur weil sie ihre eigenen Kinder in ihren eigenen vier Wänden selbst aufziehen wollten„.


Das Konzept der Kindertagesstätten sei in den dreißiger Jahren von Alva Myrdal entworfen worden – „ohne Rücksicht, ob die Eltern es nötig hatten oder ob sie sich dafür interessierten„. Sie habe „wie so viele in ihrer Generation„ davon geschwärmt, „eine neue Generation von Menschen zu schaffen, die besser in eine neue Weltordnung passen„ (so Alva Myrdal). Dabei habe sie „eine bestürzende Ansicht sowohl von der Familie als auch von der Mutter, die keiner außerhäuslichen Tätigkeit nachging und sich ganz der Erziehung ihrer Kinder widmete„, vertreten. So habe sie geschrieben: „Für schwache, dumme, faule, nicht ehrgeizige oder andere weniger intelligente Individuen ist es noch möglich, weiter in der häuslichen Atmosphäre zu bleiben und ihren Weg sowohl als Hausfrauen und Dienerinnen zu gehen„.

Premierminister Olaf Palme habe offiziell den „Tod der Hausfrau„ verkündet. Sein Minister Equality habe festgestellt, „dass die Hausfrau ins Museum gehöre„, und eine große schwedische Tageszeitung habe erklärt, dass Hausfrauen „Verräterrinnen„ seien. „Nachdem man den Ruf der Nur-Hausfrauen derart in den Schmutz gezogen hatte, war es leichter, ihnen ihre Rechte zu entziehen. Unzählige Frauen jeden Alters verloren ihren Stolz und ihr Selbstvertrauen und wurden von dem System eingefangen„. Frauen seien regelrecht gezwungen worden zu arbeiten. „Das ist die Wirklichkeit des schwedischen ,Paradieses‘ heute.„ Innerhalb von vierzig Jahren sei diese Situation erreicht worden, „weil keiner am Anfang wusste, wo es enden würde„.

In einem Buch der Sozialdemokratischen Partei Schwedens mit dem Titel „Die Familie der Zukunft: eine sozialistische Politik für die Familie„ würden Kinder als „Hindernisse für die Emanzipation der modernen Frau„ bezeichnet. Es fordere, „die emotionale, intellektuelle und materielle Entwicklung der Kinder in die Verantwortung des Staates zu stellen„. Junge Leute in Schweden fänden es inzwischen „ganz normal, die Richtlinien zu akzeptieren und so gemäß den Überzeugungen zu handeln, die ihnen durch die massive Propaganda eingetrichtert wurden und durch das Steuersystem erzwungen werden. Es stimmt traurig, mit eigenen Augen gebildete und clevere junge Eltern zu sehen, die hervorragende Fähigkeiten auf verschiedenen Gebieten haben, gleichzeitig aber einen totalen Mangel an Selbstvertrauen und Zutrauen zu ihren eigenen Fähigkeiten als Eltern„.


Vernichtende Gesamtbilanz

Gustafsson zieht eine vernichtende Bilanz der von ihm „totalitär„ genannten schwedischen Familienpolitik: „Die allgemeine soziale Situation im heutigen Schweden ist in Aufruhr. In den Schulen herrscht Gewalt, Eltern und Lehrer werden bedroht und niedergeschlagen. Die Untergrundbahn in Schweden, die nur ein Zehntel der U-Bahn in New York ausmacht, wird beständig von Heranwachsenden verwüstet„. Die Zukunft eines Landes, „in dem alte Leute es nicht einmal wagen, am Tage auf die Straße zu gehen„, sei beängstigend. Eine Studie des Instituts für Stressforschung in Schweden habe ergeben, dass jedes dritte Kind an psychologischen Störungen leide. Jedes Jahr begingen 100 Kinder im Alter von vier, fünf oder sechs Jahren Selbstmord. Das entspreche der Selbstmordrate in Deutschland mit rund 80 Millionen Einwohnern. Auch die Bilanz des Bildungssystems sei niederschmetternd. „Eine steigende Zahl der Kinder verlässt die Schule nach neun Jahren ohne Lese- oder Schreibkenntnisse. Die Lehrer beklagen, dass sie viel Zeit aufwenden müssen, den Kleineren Betragen beizubringen und gewöhnliche Dinge, wie zum Beispiel: ein Hemd zuzuknöpfen, die Schuhe zuzubinden oder wie Messer und Gabel zu handhaben sind„.

Äußerst besorgt wirft Gustafsson am Schluss seiner Kritik den Blick in die Zukunft und fragt: „Was wird zum Beispiel passieren, wenn Kinder, die vom Standpunkt der Eltern betrachtet als ,Hindernisse‘ aufwachsen, später die Regierungsgeschäfte der Nation übernehmen? Werden sie, die niemals mit Liebe und Gefühlen in Kontakt kamen, auf die alternde Elterngeneration herabsehen und sie als Hindernisse für die neue aktive Generation ansehen?„

Warnend ruft Gustafsson jenen Ländern zu, die – wie Deutschland – in ihrer Familienpolitik den „schwedischen Weg„ beschreiten: sie müssten sich darauf vorbereiten, dass die Demokratie angesichts dieser Entwicklung, die eine „Schwächung der Nationen„ bedeute, keine Zukunft haben werde. Er beschwört die Propagatoren einer Familienpolitik, die auf eine Zerstörung der Familien und eine Verschlechterung der Entwicklung der Persönlichkeit der Kinder hinausläuft: „Die wertvollste Kraft einer Nation sind gesunde und glückliche Menschen, die aus starken und zufriedenen Familien kommen. Jede Gesellschaft oder Nation steht oder fällt mit dem Zustand der Familie, denn die Familie reflektiert die Lage einer Nation. Wird die Familie zerstört oder geschwächt, so wird es nicht lange dauern, bis auch das Land zerstört ist. Man muss den zerstörenden Prozess stoppen, solange es noch möglich ist„.


Kindertagesstätten in der DDR

Der zweite Erfahrungsbericht, aus dem hier referiert werden soll, stammt vom Chefarzt der Psychotherapeutischen Klinik in Halle, Hans-Joachim Maaz, und behandelt die Auswirkungen der Kindertagesstätten in der DDR. Er wurde bereits 1990 unter dem Titel „Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR„ veröffentlicht. Zwar löste er damals eine kurzfristige lebhafte Debatte aus, geriet aber offenkundig bald wieder in Vergessenheit. Jedenfalls spielt er in der aktuellen familienpolitischen Debatte keine Rolle. Sie wird geführt, als gäbe es ihn nicht. Statt sich auf ihn zu beziehen, verweisen viele Befürworter eines massiven Ausbaus von „Kinderbetreuungseinrichtungen„ auch heute noch gern auf die „große Errungenschaft„ der flächendeckenden „Versorgung der DDR mit Kinderbetreuungseinrichtungen„.

Wie stellt sich die Wirklichkeit für den Psychologen und Psychotherapeuten Maaz dar? Er war täglich beruflich mit den Folgen der frühen Trennung von Mutter und Kind in der DDR konfrontiert und kann die Auswirkungen der Kinderbetreuungseinrichtungen auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder sicherlich kompetenter beurteilen als die meisten Befürworter/innen der „Betreuungslösung„ heute in der Bundesrepublik.


Nach den Angaben von Maaz existierten 1990 etwa 7 600 Kinderkrippen in der DDR, in denen Kinder vom sechsten Lebensmonat bis zum vollendeten dritten Lebensjahr in Gruppen betreut wurden. Von 1 000 Kindern dieser Altersgruppe besuchten 799 eine Tageskrippe. Ab dem dritten Lebensjahr kamen die Kinder in Kindergärten. In dieser Altersklasse besuchten von 1 000 Kindern 940 einen Kindergarten. „Allein diese Zahlen belegen schon das Ausmaß der Trennung zwischen Mutter und Kind„, schreibt Maaz. „Wenn man dann noch zur Kenntnis nimmt, dass die ,Betreuung‘ nach Plan und festem Tagesrhythmus geschah und nicht nach den Bedürfnissen und der individuellen Unterschiedlichkeit der Kinder, dann braucht man sich über die schwerwiegenden Folgen solcher Praxis nicht zu wundern„.
Ähnlich wie Gustafsson betrachtet Maaz die Kindertagesstätten nicht isoliert, sondern eingebettet in den gesellschaftlichen Kontext: Sie sind für beide nicht weltanschauungsneutral, sondern ideologisch begründet.

Maaz sieht die Kindertagesstätten der DDR als Bestandteil des staatlichen Erziehungssystems und dieses im Dienste der SED-Ideologie. Man könne das Ziel der staatlichen Erziehung „auf einen Punkt bringen„, schreibt er: „Die Individualität hemmen und den eigenen Willen brechen! Dieses Prinzip wurde rücksichtslos auf allen Stufen der staatlichen Erziehung durchgesetzt.„ Die Schulen der DDR bezeichnet Maaz als „Zuchtanstalten der Nation„ und stellt fest: „Unter der zynisch-perfiden Parole ,allseitig gebildete Persönlichkeit‘ wurde hier jedem das ,Rückgrat‘ gebrochen, und es kam keiner heraus, der sich nicht einengenden Normen und repressiver Manipulation unterworfen hätte.„

Die staatliche Repression habe sich in den Familien fortgesetzt. „Der familiäre Erziehungsstil in der DDR war in der Regel autoritär. Die meisten Eltern waren selbst Opfer repressiver Erziehung, und sie waren in einer Gesellschaft zu leben genötigt, die nur Anpassung und Unterwerfung belohnte.„ Die entscheidenden Fragen über die Beziehungen zwischen Mutter und Kind, zwischen Mann und Frau sowie über die Stellung der beiden Geschlechter in der Gesellschaft seien „peinlich gemieden„ worden. „Die Diskussion um die Bedeutung der frühen Kindheit, die Mutter-Vater-Kind-Beziehung wurde in der Öffentlichkeit tabuisiert oder regelrecht falsch dargestellt. Psychoanalytische Erkenntnisse wurden systematisch ferngehalten oder als ,bürgerlich-dekadente Irrlehre‘ verteufelt.„

Charakterdeformierung als Folge

Zum „unheilvollen Ineinander von gesellschaftlicher und familiärer Repression„ habe auch gehört, dass den Kindern in der Regel der Rhythmus der Eltern und der sozialen Zwänge rigoros aufgenötigt wurde: „von vorgeschriebenen Stillzeiten, Schlafenszeiten, ,Topf‘-Zeiten bis zu den Rhythmen, die eine berufstätige Frau einzuhalten genötigt war„. So habe man „gar nicht so selten schon in aller Frühe blasse und müde Kinder sehen (können), wie sie von ihren gestressten Müttern in die Kinderaufbewahrungsanstalten geschleppt und gezerrt wurden. Wenn Kinder in diesem Zusammenhang weinten, wurden sie beschimpft und bedroht. In den Lebensgeschichten unserer Patienten waren tragische Berichte von herzerreißenden Szenen beim Abliefern in die Krippen und Kindergärten, die ohnmächtige Wut und schmerzliche Ängste bei den Kindern verursachten, sehr häufig„. Der aus diesen Erziehungszielen resultierende Zustand vieler Kinder „war schon an ihrer Blässe erkennbar. Lärmen, Schreien und Toben wurden zumeist als störend und unanständig empfunden und entsprechend gerügt. Weinen wurde lächerlich gemacht, zur Unterdrückung gemahnt oder durch zudeckenden Trost verhindert. Generelle Ablenkung von den Gefühlen war der übliche Weg„.
Wolle man das repressive System des „real existierenden Sozialismus„ zusammenfassend charakterisieren, so ergebe sich „das Bild eines umfassenden und kontinuierlichen Systems von Nötigung, Manipulation, Einengung, Kontrolle, Ängstigung, Strafe und Beschämung. Was in der Kindheit erzwungen wurde, haben die gesellschaftlichen Kräfte ausgenutzt und fortgeführt.„

Derartige Unterdrückung urmenschlicher Bedürfnisse durch ein repressives System bewirke „kollektive Charakterdeformierung„. Diese sei als solche allerdings nicht immer leicht zu erkennen. Denn es könne durchaus vorkommen, „dass die Deformierung allgemein wird und dann für ,normal‘ gehalten wird. Genau dies will ich für die Verhältnisse im ,real existierenden Sozialismus‘ herausarbeiten. In diesem System konnte man nur mit einer Charakterdeformierung halbwegs überleben, gesundes Verhalten wäre unweigerlich bestraft worden; Gesundheit meint in diesem Zusammenhang: Offenheit, Ehrlichkeit, Eigenständigkeit, Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung, Mut zu eigenen Positionen und zu kreativen Leistungen, auch gegen den Strom der Mehrheit – also alles Eigenschaften, die in der DDR für subversiv gehalten und mit Nachdruck jedem einzelnen ausgetrieben wurden„.

Der schwedische Weg?

Die Erfahrungen mit den negativen Folgen der Kinderbetreuungseinrichtungen haben Maaz auch nach dem Ende der DDR nicht losgelassen. Vielmehr haben sie ihn veranlasst, sich weiter forschend mit der Bedeutung der Mutter-Kind-Beziehung für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes zu beschäftigen. Das Ergebnis dieser Beschäftigung hat er 2005 in Form einer Studie über Mutterschaftsstörungen und die Auswirkungen eines „Muttermangels„ auf das Kind veröffentlicht („Der Lilith Komplex„). Darin zeigt er, „was ein Kind für eine psychosoziale Entwicklung braucht und welche schwerwiegenden Folgen Beziehungsdefizite, mangelhafte Befriedigung und seelische Verletzungen in der individuellen Frühgeschichte für das ganze Leben des Menschen haben können„. Er stellt fest: „In den ersten drei Lebensjahren des Kindes ist die Mutter die wichtigste Bezugsperson in jeder Hinsicht – durch nichts und niemanden wirklich zu ersetzen und ohne Schädigung des Kindes auch nicht zu kompensieren.„ In dieser Zeit der „wesentlichen Strukturbildung der Persönlichkeit„ bilden sich „ganz grundlegende Fähigkeiten von Welterfahrung heraus: Urvertrauen oder Urmisstrauen, Gewissheit oder Zweifel, Selbstsicherheit oder Selbstunsicherheit, Selbstbewusstsein oder Minderwertigkeitsgefühle. Auch die Wurzeln für Sinnerfahrung, Beziehungsfähigkeit und Realitätsbezug gegen Sinnlosigkeit, Kontaktangst und Irrationalität entfalten sich in dieser Zeit. So entscheidet die Mutter auf das nachhaltigste über die Zukunft ihres Kindes. Sie sollte also in dieser Prägungsphase am besten immer präsent sein und nur das Kind entscheiden lassen, wenn dieses sich mal von seiner Mutter zurückziehen oder entfernen möchte".

Soweit die beiden Erfahrungsberichte. Natürlich müssen sie hinsichtlich der gesellschaftlichen Bedingungen, die sie reflektieren, unterschieden werden. Kindertagesstätten im noch immer freiheitlichen, wenngleich zum Totalitären tendierenden Schweden sind etwas anderes als solche in der „vollendet„ totalitären DDR. Deshalb verdient der Bericht Gustafssons größere Beachtung in der aktuellen familienpolitischen Debatte als die Analyse von Maaz. Allerdings ist es letztlich wiederum irrelevant, ob „Charakterdeformierungen„ (Maaz) nun Folgen eines ungeklärtes Freiheitsverständnisses, einer Überforcierung des Emanzipationsgedankens sowie einer anthropologischen Ignoranz sind (Schweden) oder einer nicht nur anthropologisch ignoranten, sondern menschenverachtenden totalitären Ideologie (DDR). In beiden Fällen nehmen die Kinder eine schwere Hypothek mit ins Leben.

Gustafssons Bericht verdient auch deshalb besondere Beachtung, weil die Befürworter der „Betreuungslösung„ in Deutschland gern auf andere Länder, darunter auch auf Schweden als leuchtende Vorbilder für Deutschland in Sachen „Kinderbetreuung„ verweisen. Es bleibt zu hoffen, dass er dazu beiträgt, eine typisch deutsche Eigenart zu überwinden: sich in politischen Kontroversen auf Beispiele oder Erfahrungen anderer Länder zu berufen und dort mehr Vernunft und „Fortschrittlichkeit„ zu vermuten als im eigenen Land.

Beide Berichte müssten eigentlich einen öffentlichen Aufschrei der Empörung hervorrufen angesichts der aktuellen Familienpolitik in Deutschland, die auf Mutterentbehrung kleiner Kinder hinausläuft und dabei die vorliegenden Erfahrungen hinsichtlich der Folgen des „Muttermangels„ (Maaz) ignoriert.



Zdenek Matejcek (1922-2004)
Berühmter tschechischer Kinderpsychologe.
Er war ein international anerkannter Begründer der modernen tschechischen Kinderpsychologieforschung, er gehörte zu den ersten Kritikern der kommunistischen Kollektiverziehung und er war ein Befürworter des klassischen Familienmodells.
1996 wurde er von Präsident Vaclav Havel mit der Verdienstmedaille ausgezeichnet.
Er hat in wichtigen Langzeitstudien die Entwicklungsbedingungen von Kindern untersucht und gilt als Begründer der Tschechischen Kinderpsychologischen Schule. So befasste er sich mit der Frage nach den Bedingungen für eine gesunde emotionale Entwicklung. Matejcek untersuchte dabei Kinder, die einen großen Teil des Tages in kollektiven Erziehungseinrichtungen verbrachten. Dabei konnte er aufzeigen, dass schwerwiegende Beschädigungen auftraten.
1963 entstand Matejceks preisgekrönter Film ›Kinder ohne Liebe‹. Seine Ergebnisse lösten Bestürzung aus und zogen unmittelbare Verbesserungen der tschechischen Einrichtungen zur Betreuung von Kleinkindern nach sich. Die Wochenkrippen in der Tschechoslowakei wurden abgeschafft.
Bahn brechend waren seine Erkenntnisse über die Deprivation der Kinder, die er in den sechziger Jahren veröffentlichte. Er hob immer die Bedeutung des Familienmilieus für die Entwicklung des Kindes hervor.
Professor Matejcek wirkte als Pädagoge an der Karlsuniversität, arbeitete mit dem Prager Zentrum für Psychiatrie zusammen und propagierte seine Forschungsergebnisse im Bereich der Kinderpsychologie in den Medien. Professor Matejcek hat die wissenschaftlichen Möglichkeiten nie überschätzt. Vor kurzem sagte er gegenüber Radio Prag:
"Es gibt vieles, was wir noch lernen sollten. Die kleinsten Kinder verstehen wir immer noch nicht so richtig, weil uns das Kind nichts mitteilen kann. Wir versuchen sein Verhalten nur zu entschlüsseln und vermuten oder schätzen ab, was das Kind in etwa erlebt. Wir können uns davon aber durch kein Experiment überzeugen."
Weitere Hinweise bei Czech Radio 7, Radio Prague - URL: http://www.radio.cz/de/artikel/59628
top