Generationenvertrag 

Die schiefe Bahn der Demografie
Jung und Alt in Deutschland
Kinder unerwünscht

Rheinischer Merkur - Nr. 31, 31.07.2003 

Generationenvertrag / Eine neue Bevölkerungspolitik muss her 
Kinder für das Land 

Die Gesellschaft wird zu alt. Mit Elan wird an den Symptomen kuriert. Die Therapie jedoch sieht anders aus: Deutschland braucht Nachwuchs. 

Autor: MICHAEL RUTZ 

Langsam schärft sich das Bewusstsein im Lande für das Ausmaß der Probleme, vor denen unsere Gesellschaft steht. Sie haben zum großen Teil eine einzige Quelle: die Überalterung der Gesellschaft. Das ist, könnte man sagen, ein selbst gewähltes Schicksal: Wer sich für den kollektiven Gebärstreik entscheidet, der muss die Folgen selber tragen.

Man kann das Problem in Daten fassen: 1,3 beträgt die Reproduktionsrate in Deutschland. Bei 2,2  müsste sie liegen, wenn man nur auf den Bestand des Volkes aus wäre. In der schrumpfenden Gesellschaft steigt notwendigerweise das Durchschnittsalter. Gegenwärtig sind 25 Prozent der Bevölkerung älter als 60 Jahre. 2030 wird diese Altersgruppe 36, 2050 bei gleich bleibender  Kinderquote 45 Prozent betragen. Wie in Deutschland ist es auch anderswo im Westen: Die  Industrieländer sind schrumpfende Gesellschaften, die ärmeren Teile der Welt verweisen auf ständigen Geburtenüberschuss. Die Folgen werden massiv sein: für die Finanz- und die Rentenpolitik, für die Gesundheitsversorgung, für den Arbeitsmarkt, den Bildungssektor und die Innovationsfähigkeit des Landes. 

Längst müsste, da die Zahlen offen liegen und viele ernsthafte Bevölkerungswissenschaftler umfangreiche Untersuchungen veröffentlicht haben, eine breite Debatte über langfristig tragfähige Lösungen eingesetzt haben. Tatsächlich aber bleibt die Diskussion verhalten. Bevorzugt wird die Reaktion im Detail: hier die Greencard, dort ein wenig Kostensenkung im Gesundheitswesen oder bei der Rente. Betrachtet man freilich das Geschrei, das schon diese kleinen Korrekturen in unserer  korporatistischen Gesellschaft auslösen, mag man an die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft nicht  mehr glauben. 

Die Menschen wollen von ihren selbst verschuldeten Problemen nichts hören. Vor allem die Generation schottet sich ab, die an der Misere schuld ist: Die ihre Entscheidung getroffen hat für eine Beziehung mit double income, no kids (42 Prozent der Universitätsabsolventinnen bleiben kinderlos in Deutschland), die jetzt aus dem Vollen schöpft, die auf Familie nicht setzt, die keine Lust hat, ihren egoistischen Hedonismus aufzugeben zugunsten einer nachwachsenden Generation. 

Diese Verweigerungshaltung hat System. Sie wird, frei nach Thomas Hobbes' Satz auctoritas non veritas facit legem, durch ein Wahlrecht und -system gestützt, in dem für die Interessen von Kindern kein Platz ist. Die Mächtigen, die die Gesetze machen, sind die Erwachsenen, künftig eben der Altenteil der Gesellschaft. Sie werden mit ihren Mehrheiten an der Urne dafür sorgen, dass man ihnen die Butter nicht vom Brot nimmt. Und was ist schon dabei? Wer sagt denn, dass dieses Land 80  Millionen Menschen braucht? 40 Millionen tun es auch, und wenn man Nachwuchs will, kann man ja  welchen einwandern lassen. 

Der Unsinn solcher argumentativen Leichtfüßigkeit hat keineswegs allein eine ökonomische Seite. Denn der Rückbau einer Gesellschaft brächte nicht nur verheerende soziale Probleme im Zeitverlauf mit sich, die Halbierung der gesamten öffentlichen, privaten und unternehmerischen Infrastruktur hätte auch massive gesamtwirtschaftliche Folgen das Land würde (wird?) kollabieren. Das hat auch mit der abnehmenden Innovationsfähigkeit zu tun: Wo der Nachwuchs fehlt, wird der Gesellschaft ihre innere Dynamik genommen, politisch, aber ebenso in der Weiterentwicklung der Wirtschaft. 

Auch das Einwanderungsargument wird nicht besser dadurch, dass man es unablässig wiederholt, um die Folgen der politischen Tatenlosigkeit zu kaschieren. Um den Bevölkerungsstand zu halten, bedürften wir einer jahrelangen, nachhaltigen Nettozuwanderung von mehr als 500 000 Menschen jährlich, und zwar solcher, die sowohl jünger als 20 Jahre, arbeitswillig und integrationsbereit sind. Berücksichtigt man zudem die Abwanderungsbewegungen, bräuchte Deutschland eine jährliche Einwanderung von annähernd einer Million Menschen. Das ist offenkundig absurd. Immerhin: Eine aktive, wohldefinierte Einwanderungspolitik ist notwendig in Deutschland, muss mit großem Elan betrieben werden. Deutschland ist ein Einwanderungsland. 

Wenn von dieser Seite indes nur ein kleiner Beitrag zur Lösung des Problems zu erwarten ist: Was  bleibt dann noch? Zwei andere Konsequenzen stehen an. 

Die erste: Das Problem, vor dem wir stehen, muss endlich politisch ernst genommen werden. Das bedeutet, die Tatsachen auch offen auszusprechen und sie nicht mehr vor lauter Wahltermin-Angst in wissenschaftliche Foren und Akademieabende zu verstecken. Der Bundestag muss sich dem Problem  des Bevölkerungsschwundes in mehreren großen Debatten zuwenden. 

Zweitens: Endlich muss diskutiert werden darüber, wie man das zugrunde liegende Problem (und nicht  nur die momentanen Folgen) beheben kann. Wir müssen uns klar werden darüber, ob die Grundvereinbarung unseres bisherigen Generationenvertrages noch gilt, die lautete: Es ist die Pflicht einer Generation, für die Generationenfolge zu sorgen. Im Klartext: Deutschland braucht mehr Kinder. 

Natürlich benötigen wir alle Einrichtungen und öffentlichen Hilfen, die den Notwendigkeiten einer Familie entgegenkommen das ist noch unterentwickelt. Aber wir müssen auch zu nachhaltigeren finanziellen Konsequenzen kommen jenen gegenüber, die ihren Beitrag zum Generationenvertrag schuldig bleiben. 

Vor allem aber wäre es angezeigt, endlich die Entscheidung für den Beruf Mutter von jener Defizit-Signatur zu befreien, die die 68er Generation ihm aufgedrückt hat. Weder emanzipatorische Ideologie noch gar gentechnologische Experimentierfreude wird uns des Umstandes entheben, dass es die Frauen sind, die unsere Kinder gebären müssen. Da mag man noch so viel debattieren über die Instrumente der Familienpolitik, die Migrationspolitik, die Integrationspolitik, ihre Möglichkeiten sind  stark beschränkt. 

Zu Recht kommt der Bielefelder Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg daher zu dem nüchternen  Schluss: In langfristiger Perspektive ist daher die Erhöhung der Geburtenzahl pro Frau der entscheidende Steuerungsparameter jeder Art von demografisch orientierter Politik. Und dass wir eine solche Politik brauchen, kann nach Lage der Dinge und angesichts aller ernsten Prognosen nichts anderes als unzweifelhaft sein. 



Die schiefe Bahn der Demografie
Jung und Alt in Deutschland
Kinder unerwünscht