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Kein Grund zum Feiern - 50 Jahre Verhütung durch die Pille

Deutsche Tagespost (30.5.2011) / Stefan Rehder

Wenn es eines Beweises bedürfte, dass auch kleine Dinge große Wirkungen entfalten können, dann wäre die „Pille“, die morgen vor 50 Jahren in Deutschland zugelassen wurde, wohl ein heißer Kandidat, diesen zu führen. Nicht einmal das Fernsehen, das aus dem Kreis der Familie einen Halbkreis gemacht und viele „gute Stuben“ in einen säkularen Andachtsraum mit vorkonziliarem Hochaltar verwandelt hat, konnte eine derart umstürzende Wirkung entfalten, wie die Nebenwirkungen des Chemie-Präparats, das weltweit mittlerweile von rund 100 Millionen Frauen zur Empfängnisverhütung genutzt wird. Von dreisten Dummköpfen als „Befreiung der Frau“ gefeiert, hat die Pille eine Kulturrevolution in einem Ausmaß ermöglicht, das Mao, Lenin und andere wie Amateure erscheinen lässt.

Was selbst zwei Weltkriege nicht geschafft haben, nämlich dass ganze Nationen dauerhaft mehr Särge als Wiegen nachfragen, hat die Pille durch die Entkoppelung von Sexualität und Fortpflanzung in allen Industrienationen gewissermaßen nebenbei bewerkstelligt. Und dabei ist der demografische Wandel, der zu Verteilungskämpfen zwischen Alten und Jungen führen wird und deren gesellschaftszerstörerisches Potenzial derzeit wir allenfalls ansatzweise spüren, nur ein Kollateralschaden, der durch den weithin selbstverständlich gewordenen Gebrauch der Pille verursacht wurde.

Weit schwieriger messbar, aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht weniger gravierend, ist die Veränderung der Beziehung von Männern und Frauen, welche die Pille ermöglicht hat. Nicht dass es um diese vordem zum Besten gestanden hätte. Wäre es so gewesen, hätte die Pille nicht jenen Siegeszug antreten können, mit dessen Folgen sich die Gesellschaften nun herumschlagen müssen.

Nur: Mit der Pille ist die Beherrschung des Geschlechtstriebes, die für jeden gesunden Menschen – Männer wie Frauen gleichermaßen – eine Herausforderung darstellt, in die man sich einüben muss, aber auch kann, ja keinesfalls einfacher geworden. Im Gegenteil: „Befreit“ hat die Pille Frau und Mann nur von den liebenswertesten Folgen der eigenen Unbeherrschtheit: Den Kindern. Alle anderen sind nicht nur geblieben, sondern haben sich vermehrt. Wer wollte behaupten, dass die Pille die personale Liebe zwischen Männern und Frauen gefördert habe, oder der Respekt vor dem Körper und den Wünschen des anderen zugenommen habe? Wer, dass Treue – ob in der Ehe oder einer Partnerschaft – durch die Pille gewachsen sei?

Die Pille hat Sex zu einem jederzeit verfügbaren Gut gemacht, das von immer mehr Menschen in allen denk- und undenkbaren Konstellation konsumiert wird, und um das sich längst ganze Industrien ranken. In Berlin gibt es 15-Jährige, die bereits mehr als 100 Sex-Partner hatten, beklagt der protestantische Pastor Bernd Siggelkow, Gründer des Jugendwerks „Arche“. Man muss kein Prophet zu sein, um zu wissen, dass es ein Wunder braucht, damit aus diesen Kindern noch liebesfähige Erwachsene werden. Mit liebes- und beziehungsunfähigen Menschen aber ist kein Staat zu machen. Nirgendwo auf der Welt. Ein Grund zum Feiern ist das Jubiläum der Pille daher auch in einem gottvergessenden Land wie dem unsrigen nicht.

Mehr Infos:

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZga - Pressemitteilung vom 07.05.2010
http://www.bzga.de/presse/pressemitteilungen/?nummer=589

Vor einem halben Jahrhundert kam die erste Anti-Baby-Pille in den USA auf den Markt, ein Jahr später folgte die Zulassung in Deutschland. Seither ist der Siegeszug der PilIe ungebrochen. 55 Prozent der 20- bis 44-Jährigen verhüten mit der Pille, bei den 20- bis 29-Jährigen sind es sogar 72 Prozent. Sie ist damit das beliebteste Verhütungsmittel in Deutschland. An zweiter Stelle steht das Kondom mit 36 Prozent, wie die letzte Repräsentativerhebung zum Verhütungsverhalten Erwachsener der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) zeigt.

Auch bei Jugendlichen ist die Pille beliebt. 87 Prozent der 14- bis 17-jährigen Mädchen und 81 Prozent der gleichaltrigen Jungen mit sexueller Erfahrung geben an, schon einmal die Pille als Verhütungsmittel genutzt zu haben, wie die aktuelle Studie zur Jugendsexualität der BZgA zeigt. Dabei bewerten sexuell erfahrene Mädchen die Pille mehrheitlich positiv: Sicherheit, Handhabung, Erhältlichkeit und Auswirkungen beim Sex erhalten jeweils eine Durchschnittsnote oberhalb von 2.

Allerdings haben junge Mädchen häufiger das Problem, die Pille korrekt anzuwenden. Mehr als die Hälfte der jugendlichen Pillennutzerinnen hat schon einmal vergessen, sie regelmäßig einzunehmen. Um sich sowohl vor einer ungewollten Schwangerschaft als auch vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen zu schützen, wählen deshalb immer mehr Jugendliche eine Doppelstrategie und benutzen Pille und Kondom gleichzeitig.

„Abhängig von ihrer jeweiligen Lebenssituation können Menschen heute zwischen Pille und Kondom wählen“, betont Prof. Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. „Sexualaufklärung und Aidsprävention haben die Menschen in den vergangenen Jahrzehnten befähigt, sich eigenverantwortlich zu entscheiden. Während die Pille als Empfängnisverhütungsmittel an erster Stelle steht, ist das Kondom das wichtigste Mittel zum Schutz gegen HIV/Aids und andere sexuell übertragbare Infektionen.“

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