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Vorsicht, Studie!
Die Politik legitimiert ihre Entscheidungen gern durch
Forschungsergebnisse. Warum es sich für den Bürger trotzdem
lohnt, genau hinzuschauen, zeigt das Beispiel Familienförderung.
Von Birgit Kelle und Maria Steuer
Im Zwei-Jahres-Rhythmus durchforstet die Organisation für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) das
statistische Material zum weltweiten Stand von Familie und
Geburtenrate; Studien wie "Doing better for children" (2009) oder
"Doing better for families" (2010) werden gern zur Begründung
politischer Maßnahmen herangezogen und sind als wissenschaftlicher
Gradmesser anerkannt. Maria Steuer und Birgit Kelle, beide in
Familien- und Frauenverbänden aktiv und keine Anhängerinnen der
aktuellen Familienpolitik, haben die jüngste Studie einer genaueren
Prüfung unterzogen. Ergebnis: In Teilen widerspricht diese Studie
von 2010 der von 2009 - allein deshalb, weil die Interessen von
Frauen, Familien und Kindern nicht immer deckungsgleich sind. Fazit
der Autorinnen: "Wie am Ende entschieden wird, ist nicht
Wissenschaft, sondern Politik."
1. Ein einhelliges Ziel
Studie: In den OECD-Ländern sind im Durchschnitt knapp 60 Prozent
der Frauen erwerbstätig. Wo immer die Frauenerwerbsquote bei diesem
Wert oder darüber liegt, wachsen vergleichsweise wenige Kinder in
Armut auf. Die OECD schließt daraus, dass der Kinderarmut, die oft
eine versteckte Mütterarmut ist, am besten begegnet werden könne,
wenn mehr Mütter arbeiteten.
Situation in Deutschland: Mit 65,2 Prozent liegt die stetig
zunehmende Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland inzwischen über
dem OECD-Durchschnitt und der des Vorbilds Frankreich (60 Prozent)
- die Familienarmut aber steigt proportional, statt zu fallen.
Gleichzeitig empfiehlt die Bundesanstalt für Arbeit ebenso wie eine
Studie der Unternehmensberatung McKinsey, die Frauenerwerbsquote
weiter zu steigern, um so etwa zwei Millionen Fachkräfte zu
gewinnen.
Schlussfolgerung: Jedenfalls in Deutschland funktioniert der
Rückschluss nicht, dass Kinder in besseren ökonomischen
Verhältnissen aufwachsen, wenn Mütter arbeiten. Viele von ihnen
arbeiten auf ausdrücklichen Wunsch nur in Teilzeit (45,3 Prozent),
das gilt auch für Norwegen (43,6 Prozent) und die Schweiz (56,5
Prozent), und wollen dies auch beibehalten oder sogar ausweiten,
bestätigt die soeben erschienene Studie zu Müttern in Europa im
Auftrag der EU-Kommission. Man muss sich also mehr einfallen
lassen, um Kinderarmut zu bekämpfen. Der Paritätische Gesamtverband
Berlin hat schon 2007 vorgerechnet, dass zehn Prozent mehr
Kindergeld - also direkte finanzielle Zuweisungen - acht Prozent
weniger Kinderarmut bedeuteten und damit etwa 120 000 Familien
besser stellten.
2. Was hilft der Familie?
Studie: Die Ausgaben für Familienförderung liegen im
OECD-Durchschnitt bei 2,2 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP).
Deutschland investiert 2,8 Prozent in Familien; Frankreich,
Dänemark und Island führen die Liste mit mehr als 3,5 Prozent an.
Weil in diesen Ländern auch überproportional mehr Kinder geboren
werden, empfiehlt die OECD, die Ausgaben für Familienförderung an
diese Länder anzugleichen. Wörtlich heißt es: Viel hilft viel.
Situation in Deutschland: Laut Bundesregierung gibt Deutschland im
Jahr etwa 184 Milliarden Euro für Familienförderung aus - das
entspräche für das Jahr 2010 etwa sieben Prozent des BI P. Der
Paritätische Wohlfahrtsverband kam allerdings schon 2007 in einer
Gegenrechnung auf Ausgaben von nur 38,6 Milliarden Euro, also 1,6
Prozent des BI P. Damit wäre Deutschland Schlusslicht in der OECD,
und es wäre eine Erklärung dafür, warum die Familienpolitik nicht
vorankommt. Die Abweichungen ergeben sich zum Teil daraus, dass die
Behörden auch Leistungen einbeziehen, die nichts mit dem
Vorhandensein von Kindern im Haushalt zu tun haben, wie etwa
Witwenrenten oder die steuerliche Absetzbarkeit von
Haushaltshilfen.
Schlussfolgerung: Jedes Land liefert individuelle Zahlen an die
OECD und bezieht unterschiedliche Maßnahmen ein. Deshalb ist es
nahezu unmöglich, die Ausgaben der einzelnen Länder direkt zu
vergleichen. Auf Anfrage bestätigt selbst die OECD, dass die
vorliegenden Zahlen nur bedingt vergleichbar seien und für einige
Länder überhaupt keine Zahlen vorlägen. Sie taugen also nicht für
Rückschlüsse, stattdessen müssen einzelne Maßnahmen miteinander
verglichen werden.
3. Bargeld oder Kindergartenplatz?
Studie: In den meisten europäischen Ländern werden Familien vor
allem durch direkte Zuwendungen wie Kinder- und Elterngeld oder
Einmalzahlungen nach der Geburt gefördert. Und fast überall ist
nachzuweisen, dass die Kinderarmut sinkt, wenn die direkten
Zahlungen steigen. Dennoch rät die OECD, in hochwertige
frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung zu investieren und
direkte Familienleistungen zu kürzen. Damit widerspricht sie ihrer
eigenen Studie aus dem Jahr 2009, in der sie direkte Leistungen als
Mittel gegen Familienarmut forderte.
Situation in Deutschland: Die Bundesregierung folgt der neuen
OECD-Empfehlung und investiert vor allem in Krippen und
Kindergärten. Mit direkten Zahlungen tut sie sich dagegen schwer,
wie die Diskussion rund um die sogenannten Bildungsgutscheine
gezeigt hat. Auch die Forderung des Bundesverfassungsgerichts nach
Steuererleichterungen für Familien wurde bisher nicht umgesetzt.
Schlussfolgerung: Was tatsächlich hilft, um Familien zu fördern,
vermag auch die OECD nicht zu sagen. So haben Frankreich, Schweden
und Luxemburg zwar ähnlich hohe Geburtenraten, die Hilfen aber sind
unterschiedlich: Schweden gewährt kaum Steuervorteile, bietet aber
eine gute Infrastruktur, Luxemburg setzt vor allem auf direkte
Familienförderung, und Frankreich kombiniert beide Ansätze; dort
leben Familien ab dem dritten Kind nahezu steuerfrei, gleichzeitig
wird auch in Infrastruktur investiert. Frankreich zeigt damit
anschaulich, dass in der Familienförderung nicht alles gleichzeitig
geht: Die Steuerfreiheit ab dem dritten Kind stützt zwar die
Geburtenrate, senkt aber die Erwerbsquote bei Müttern. Man muss
sich also entscheiden.
4. Wie fördert man richtig?
Studie: Je früher in die Bildung und Erziehung von Kindern
investiert wird, desto höher ist die Rendite, heißt es aus der
OECD. Worauf dieser Zusammenhang beruht, sagt die Studie nicht,
empfiehlt aber eine Neuausrichtung der Bildungsausgaben zugunsten
der ersten Lebensjahre; stattdessen könne die Hochschulbildung
zunehmend privat finanziert werden. Die OECD definiert drei
Altersgruppen: 0 bis 5 Jahre, 6 bis 11 Jahre und 12 bis 17 Jahre.
Situation in Deutschland: Deutschland investiert in allen drei
Altersgruppen mehr als der OECD-Durchschnitt und liegt auch bei der
Verteilung auf der Linie der Empfehlung. So gibt Deutschland für
die Kleinsten fast 30 Prozent der gesamten Bildungsaufwendungen aus
und liegt damit nur knapp hinter Schweden und Dänemark und somit
über dem OECD-Durchschnitt von 25 Prozent. Auch bei den Ausgaben
für die Sechs- bis Elfjährigen liegt Deutschland mit etwa 40
Prozent leicht über dem OECD-Durchschnitt.
Schlussfolgerung: Statistisch steht Deutschland damit gut da,
dennoch werden im Moment Anstrengungen unternommen, vor allem die
Kleinstkinder noch stärker zu fördern. Die sogenannten U3-Plätze
sollen massiv ausgebaut werden, wobei sich die Befürworter auf die
Empfehlungen der Studie berufen - die eine weitere Unterteilung der
ersten Gruppe allerdings gar nicht kennt; die OECD-Empfehlung
könnte ebenso gut für die Förderung von Vorschulkindern gelten.
Sollte die Frühstförderung dem Ziel dienen, junge Frauen zur
Familiengründung zu ermuntern, sind Zweifel angebracht: Die USA,
mit zwölf Prozent der Ausgaben für die bis zu Fünfjährigen eines
der Schlusslichter im OECD-Vergleich, haben mit 2,1 Prozent eine
extrem hohe Geburtenrate.
5. Die Tücken der Statistik
Studie: Die Geburtenrate liegt in Deutschland mit 1,36 Kindern pro
Frau unter dem OECD-Durchschnitt von 1,7. Aufgrund der ihr
vorliegenden Daten zieht die OECD den Schluss, dass höhere
Geldleistungen zumindest vorübergehend zu mehr Kindern führen
könnten - Erfolg versprechender aber scheinen ihr Investitionen in
Kinderbetreuungsdienste zu sein. Vorbild sind die nordischen
Länder, in denen es ein durchgehendes Angebot von
Unterstützungsleistungen in Form von bezahltem Elternurlaub mit
Arbeitsplatzgarantie, Zuschüssen zur frühkindlichen Betreuung,
Bildung und Erziehung sowie Betreuung außerhalb der Schulzeit bis
zum Beginn der Sekundarschulzeit gibt.
Situation in Deutschland: Auch hierzulande gilt die bessere
Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Schlüssel, um die
Geburtenrate zu erhöhen. Mit dem Ausbau der Kinderbetreuung will
man gleich drei Ziele erreichen: mehr Geburten, eine höhere
Frauenerwerbsquote und bessere Bildung der Kinder. Dagegen spricht,
dass die Geburtenrate bei Frauen in Ein-Verdiener-Ehen in
Westdeutschland auch heute noch bei mehr als zwei Kindern pro Frau
liegt, ebenso in Frankreich. Arbeiten beide Partner Vollzeit, sinkt
die Geburtenrate auf ein Kind pro Frau. In Schweden mit einer
Frauenerwerbsquote von fast 76 Prozent scheinen sich dagegen die
beiden Ziele - Frauenerwerbsquote und Geburtenrate - nicht
gegenseitig zu behindern.
Schlussfolgerung: Wie sich Betreuungsangebote auf die Geburtenrate
auswirken, kann empirisch weder für Deutschland noch weltweit
belegt werden. Dies hat das deutsche Ifo-Institut schon im Jahr
2005 in seinem Forschungsbericht Nr. 26 festgestellt und eine
"statistisch signifikante Wirkung" nur durch direkte Zuwendungen
nachgewiesen. So ist in den neuen Bundesländern wegen der
DDR-Geschichte die Dichte der Kita- und U3-Plätze extrem hoch, die
Geburtenrate im bundesweiten Vergleich jedoch am niedrigsten;
Bayern und Baden-Württemberg haben dagegen bei einem
vergleichsweise kleinen Betreuungsangebot eine überdurchschnittlich
hohe Geburtenrate. Auch international gibt die Statistik nichts
her: So investieren die nordischen Länder viel Geld in den Ausbau
der staatlichen Kinderbetreuung, in den USA dagegen sind
Kindergarten und Betreuung teure Privatsache, nur im Jahr vor der
Einschulung wird staatlich gefördert. Dennoch kommen alle diese
Länder auf eine vergleichsweise hohe Geburtenrate von mehr als zwei
Kindern pro Frau.
6. Eine ungehörte Warnung
Studie: Die OECD-Studie enthält auch eine Warnung: Werden Kinder zu
früh (konkret: vor Vollendung des ersten Lebensjahres), zu viele
Stunden und qualitativ unzureichend außerhalb der Familie betreut,
könne das zu Verhaltensauffälligkeiten führen. Zudem weist die
Studie darauf hin, dass die wirtschaftlichen Lebensumstände
größeren Einfluss auf die kognitive Entwicklung der Kinder haben
als frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung oder die
Erwerbstätigkeit der Mutter. Erst ab einem Alter von zwei Jahren
seien die positiven Effekte einer qualitativ hochstehenden
Betreuung in der Regel größer als die negativen; dies gelte
besonders für Kinder aus sozial benachteiligten Elternhäusern.
Situation in Deutschland: Die institutionelle Betreuung für Kinder
ab dem ersten Lebensjahr wird ausgebaut, um möglichst bald für mehr
als 35 Prozent der unter Dreijährigen einen Krippenplatz
bereitzustellen. Die wirtschaftlichen Verhältnisse für bedürftige
Familien mit Kindern werden trotz verfassungsgerichtlicher
Aufforderung nicht verbessert.
Schlussfolgerung: Dass sich Deutschland für den Ausbau der
institutionellen Betreuung von Kindern und gegen eine weitere
finanzielle Unterstützung von Eltern entschieden hat, ist eine
politische Entscheidung, die nicht mit den Empfehlungen der
OECD-Studie zu begründen ist. Die Studie lässt keinen Zweifel, dass
die wirtschaftlichen Umstände eines Kindes einen größeren Effekt
auf sein Wohlbefinden und seine Bildung haben als frühkindliche
Bildung. Genauso gut könnte die Studie als Begründung herangezogen
werden, die direkten finanziellen Leistungen massiv auszuweiten.
Maria Steuer, 52, Kinderärztin und Mutter von drei Kindern,
arbeitet heute vorwiegend als Familientherapeutin und Schulärztin.
Zudem ist sie im Vorstand der Stiftungsinitiative "Für Kinder" des
kürzlich verstorbenen Familientherapeuten Wolfgang Bergmann.
Birgit Kelle, 36, Journalistin und Verlegerin, Mutter von vier
Kindern, ist Vorsitzende der Initiative Frau 2000plus e. V. und
Vorstandsmitglied des Brüsseler Dachverbands New Women For Europe
(NWFE) mit Beraterstatus am EU-Parlament.
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