Wissenschaft stellt Stammzellforschung in Frage    
13.06.05

Wissenschaft stellt Stammzellforschung in Frage
Embryologie spricht für das Menschsein von Anfang an

WASHINGTON, 13. Juni 2005 (Zenit .org).- Die Bioethik-Debatte ist durch das Referendum in Italien, die jüngste Zustimmung des US-Repräsentantenhauses zur Finanzierung der Stammzellforschung an menschlichen Embryonen und die Bekanntgabe von Klonexperimenten in Südkorea und England neu aufgeflammt.

Ein von Forschern häufig vorgebrachtes Argument lautet, die in der Forschung benutzten Stammzellen seien in Wirklichkeit gar keine menschlichen Wesen, sondern nur eine Ansammlung von Zellen. Die Poteste gegen eine Legalisierung solcher Experimente bezeichnen sie als wissenschaftsfeindlich und als Versuch von Moralisten, die der Gesellschaft die eigenen Ansichten aufzwingen wollen.

Nachdem US-Präsident George Bush mit seinem Veto gedroht hatte, sollte der Kongress eine zusätzliche finanzielle Mitteln für die Stammzellenforschung billigen, schrieb die "New York Times" in einem Leitartikel am 26. Mai: "Das Vorgehen des Präsidenten gründet sich auf starke religiöse Überzeugungen seitens einiger konservativer Christen, die vermutlich auch seine eigenen sind. Solche Überzeugungen verdienen Respekt, aber es wäre falsch, sie dieser pluralistischen Nation zuzumuten."

Auch der Kolumnist der "Washington Post", Richard Cohen, kritisierte an diesem Tag den Widerstand gegen die Stammzellforschung: "Ich gebe zu, dass wir uns dabei auf einen phantastischen Weg begeben, der geistig und ethisch Furcht einflößend sein mag. Aber wir tun es, damit Leben gerettet wird, damit wir denjenigen das Leben erträglich machen, die an Missbildungen und Krankheiten leiden, die wir heilen können. Was kann daran falsch sein?" Auch er verurteilte jene Leute, die er "religiöse Konservative" nennt und die "uns ihre religiösen Überzeugungen aufzwingen wollen".

Das Leben, ein Gut für alle

Vielleicht sind diese Attacken gegen so genannte "konservative Christen" nur ein rhetorischer Trick, um die Gültigkeit der von den Gegnern des Klonens und der Stammzellforschung erhobenen Argumente zu leugnen oder zu verschleiern. Aber worin bestehen diese Argumente eigentlich, worin gründen sie?

Mit dieser Frage beschäftigte sich der italienische Kardinal Dionigi Tettamanzi, Erzbischof von Mailand. In einem Artikel, der im Hinblick auf das von der Kirche scharf verurteilte Referendum über das Gesetz zur In-vitro-Fertilisation, das am 12. und 13. Juni in Italien durchgeführt wird, am 25. Mai in der vatikanischen Tageszeitung "Osservatore Romano" unter dem Titel "Das Leben, ein Gut aller und für alle" veröffentlicht wurde, führt der Kardinal vier Argumente an, weshalb das menschliche Leben von Anfang an zu verteidigen sei.

1. Das Menschenleben ist immer ein Gut. Es ist in der Tat das kostbarste Gut, das es gibt, und es ist die Grundlage aller anderen Güter, die ein Mensch besitzen kann. Außerdem hat das Leben jeder Person einen so hohen Stellenwert, so dass man es nicht mit dem Wert des Lebens anderer Lebewesen vergleichen kann.

Der Kardinal stellt klar, dass er dies nicht nur als Person sage, die an Gott glaubt. Er beruft sich nämlich auch auf die menschliche Vernunft. Sie könne den ungeheuren Wert des menschlichen Lebens sehr wohl begreifen, weshalb dieser Wert ein Prinzip sei, das von allen anerkannt werden könne.

2. Jeder Mensch besitzt die Pflicht, das menschliche Leben – ein Thema, das alle angeht – mit Verantwortungsbewusstsein und Entschiedenheit zu schützen und zu verteidigen. Es handelt sich sogar um eine staatsbürgerliche Pflicht, weil der Schutz des menschlichen Lebens eine unersetzbare Voraussetzung für die Verwirklichung des Gemeinwohls ist.

3. Die Kirche und die christliche Gemeinschaft ist mit all jenen verbunden, die das menschliche Leben vom Augenblick der Empfängnis bis zum Tod verteidigen. Dass bestimmte Rechte und Pflichten von der Kirche verteidigt werden, bedeutet nicht, dass sie aufhören, staatsbürgerliche Rechte und Pflichten zu sein, die auch von einem rein säkularen Standpunkt aus legitim und authentisch sind.

In diesem Zusammenhang stellt Kardinal Tettamanzi klar, dass die Verteidigung des menschlichen Lebens ein vorrangiges Recht aller Menschen sei, nicht nur der Christen. Sollten legitimierte Bürgerinitiativen aber nur aus dem Grund an den Rand gedrängt werden, weil Christen dahinter stünden, so wäre das ein schweres Vergehen, ein sehr ernster Fall ideologischer Intoleranz, schreibt der Kardinal. Sollte so etwas geschehen, so sei der große Verlierer die Demokratie selbst.

4. Die Sorge für das menschliche Leben in seinen Anfängen ist deswegen besonders notwendig, weil das Leben gerade in dieser Entwicklungsphase Phase sehr verletzlich ist. Wenn man diesen Schutz, sei es auf persönlicher oder auf gesellschaftlicher Ebene, unterlässt, so birgt das die Gefahr in sich, dass ein nicht wieder gut zu machender Schaden für das Leben entsteht, ja sogar dessen Zerstörung.

Zur Debatte über das richtige Verhältnis zwischen Moral und Gesetz erinnert der italienische Kardinal daran, dass die Moral das Gewissen des Menschen erleuchte, während das Gesetz systematisch regle, wie man handeln soll. Jeder müsse sich bewusst werden, dass der Staat die Menschenrechte weder schaffen noch abschaffen könne.

Der Embryo, ein Mensch

Die große Frage, die sich bei Gesetzesreformen stellt, die mit den Anfängen des menschlichen Lebens zu tun haben, ist folgende: Haben wir es bei einem Embryo denn überhaupt mit einem menschlichen Wesen im Frühstadium zu tun?

Diese Frage behandeln mehrere Artikel, die im Winter des vergangenen Jahres in der US-amerikanischen Zeitschrift "New Atlantis" veröffentlicht wurden, die das in Washington ansässige "Zentrum für Ethik und Rechtsordnung" herausgibt.

In ihrem Beitrag widerlegen Robert George, Professor der Rechtswissenschaft an der Princeton University und Mitglied des US-Bioethikrats, und Patrick Lee, Professor der Philosophie an der Franziskaneruniversität von Steubenville, die Argumente zweier Mitglieder des Bioethikrats, die sich für die Stammzellenforschung ausgesprochen hatten. Sie erklären, dass man keinerlei Einwand dagegen erheben könne, embryonale Stammzellen für Forschungszwecke oder Therapien zu verwenden, wenn man sie erhalten würde, ohne Embryonen töten oder beschädigen zu müssen. "Der strittige Punkt", so die beiden Professoren, "ist die ethische Bewertung der absichtlichen Zerstörung menschlicher Embryonen, um aus ihnen Stammzellen zu ernten".

Sowohl die zeitgenössische menschliche Embryologie als auch die Entwicklungsphysiologie "lassen keinerlei ernst zu nehmende Zweifel an dem menschlichen Status der Embryonen im Anfangsstadium ihres Lebens", schreiben die beiden Wissenschaftler. "Ein jeder von uns hat in einem allmählichen, kontinuierlichen, selbst gesteuerten Prozess die verschiedenen Stadien der Entwicklung des menschlichen Lebens durchgemacht: vom embryonalen in den fötalen Zustand und von da zum Kleinkind, dann zum Kind, zum heranwachsenden Jugendlichen in der Pubertät und schließlich zum Erwachsenen – und all das, ohne die eigene erbliche Determiniertheit, Einheit und Identität jemals zu verlieren." Deshalb sei der Mensch so ein kostbares Lebewesen. Und das sei der Grund, "warum wir davon überzeugt sind, dass alle Menschen in ihrer elementaren Würde und ihren Rechten gleich sind. Ihre Würde gehört zu ihrem inneren Wesen und ist nicht von irgendwelchen zufälligen Eigenschaften oder Merkmalen abhängig. Aus diesem Grund töten wir keine Kinder, die in ihrer Entwicklung zurückgeblieben sind, um ihre Organe zu ernten."

Die beiden Professoren räumen ein, dass niemand behaupten würde, Embryonen seien erwachsene Menschen. Gleichzeitig könne korrekter Weise gesagt werden, dass menschliche Embryonen Menschen seien, das heißt, "vollständige, noch nicht ausgereifte Mitglieder des Menschengeschlechts".

Erkenntnisse der Embryologie


-- Der Embryo ist von Anfang an von jeder Zelle der Mutter oder des Vaters verschieden und wächst in den Bahnen seiner eigenen charakteristischen Entwicklungsrichtung, wobei sein Wachstum von innen her auf die eigene Überlebensfähigkeit und Reifung hingeordnet ist.

-- Der Embryo ist ein menschliches Wesen, da er die genetische Struktur besitzt, die für Menschen charakteristisch ist.

-- Der Embryo ist vollständig "programmiert" und strebt aktiv danach, ins nächste menschliche Reifestadium einzutreten. Und wenn er nicht durch Krankheit, Gewalt oder eine ungünstige Umgebung daran gehindert wird, entwickelt sich der Embryo auch auf diese Weise. Solange der Embryo am Leben ist, bringt keine nach der Befruchtung eintretende Veränderung eine neue Wachstumsrichtung mit sich.

Neben religiösen und theologischen Argumenten gibt es also auch zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse, die die Forschung mit embryonalen Stammzellen in Frage stellen und das Opfern von Embryonen ablehnen.
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