Rohstoff Mensch - Ressource Eizelle      
06.07.05

Rohstoff Mensch - Ressource Eizelle
von Christian Poplutz
(Die Tagespost vom 05.07.2005, Seite 9 - Feuilleton)

Mit dem überaus brisanten Thema des internationalen Handels mit Eizellen und Embryonen befasste sich  vor kurzem eine Konferenz im Europäischen Parlament in Brüssel. Veranstalter war die britische Pro-Life-Organisation "Comment on Reproductive Ethics" (CORE" zu deutsch: "Kritische Anmerkungen zur Ethik  der Fortpflanzung"). Die Schirmherrschaft hatten sieben Europaabgeordnete übernommen, darunter die  slowakische Christdemokratin Anna Záborská, die schwedische Sozialistin Eva- Britt Svensson und die  deutsche Grüne Hiltrud Breyer.

Zu Beginn ging Anna Záborská, Ärztin und Vorsitzende des Ausschusses für die Rechte der Frau und die  Gleichstellung der Geschlechter des Europäischen Parlaments, mit den an Eizellspende und Embryonenhandel beteiligten Fortpflanzungsmedizinern und Behörden hart ins Gericht. Sie verurteilte die  Entnahme von Eizellen junger Frauen nach hormoneller Stimulation als "einen der größten Skandale zu  Beginn des neuen Jahrtausends", als "biotechnologische Sklaverei". Diese jungen Frauen seien vor  Aufnahme eines Studiums oder einer Berufstätigkeit besonders anfällig für das Versprechen leicht  verdienten Geldes durch Eizellspenden. Dabei berge die Entnahme von Eizellen sowohl die Gefahr einer  vorzeitigen Menopause als auch ein erhöhtes Eierstock- und Brustkrebsrisiko in sich. Schließlich seien  Eizellen keine sich erneuernden Zellen, sondern in ihrer Anzahl schon in der vorgeburtlichen Entwicklungsphase festgelegt. Infolgedessen sei eine solche Behandlung eine "Verstümmelung" junger  Frauen, die sie um Jahre ihrer natürlichen Fruchtbarkeit beraube.

In Ergänzung zu diesen Langzeitfolgen stellte der slowakische Gynäkologe Ivan Wallenfels die akuten  Gefahren des Ovariellen Hyperstimulationssyndroms (OHSS) heraus. Bis zu einem Drittel der Frauen werde davon betroffen, die sich einer hormonellen Stimulationsbehandlung zur Gewinnung mehrerer  Eizellen unterziehen - sei es zur Durchführung künstlicher Befruchtung, sei es zur Spende von Eizellen für  Forschungszwecke. Besonders anfällig für OHSS seien junge Frauen. Bei einer von hundert Frauen trete  das Syndrom in seiner schwersten Form auf, woraus sich schwere Erkrankungen bis hin zum Tod durch  multiples Organversagen ergäben.

Der britische IVF-Mediziner Eric Simons nannte dies eine "Geschichte, geschrieben mit dem Blut von  Frauen". Einen dramatischen Fall hierzu schilderte die Irin Angela Hickey, deren Tochter 2003 an OHSS  verstorben war, nachdem sie sich wegen ihres Kinderwunsches einer IVF-Behandlung unterzogen hatte.  Die Ärzte hatten sie weit übermäßig hormonell stimuliert und ihr 33 Eizellen entnommen, aus denen fünf  Embryonen erzeugt wurden. Durch die Überstimulation kam es bei der jungen Frau zur Ansammlung von  Gewebeflüssigkeit in der Bauchhöhle, schließlich zu Hirnschäden und einem tödlichen Nierenversagen.  Frau Hickey berichtete von etwa 100 Fällen von OHSS in nur einer Klinik in den letzten fünf Jahren. Erst in  diesem Frühjahr war - von den Medien weitgehend ignoriert - erneut eine Frau in Großbritannien an den  Folgen einer solchen Behandlung verstorben.

Hierzu ergänzte die CORE-Vorsitzende Josephine Quintavalle, infolge der zunehmend bekannt werdenden Gefahren seien immer weniger Frauen in Großbritannien zur Eizellspende bereit - trotz großer  Werbekampagnen und trotz der Tatsache, dass manche Fortpflanzungskliniken denjenigen Frauen Rabatt bei der Durchführung von IVF oder bei einer Sterilisation gewährten, die einen Teil ihrer durch  Überstimulation gewonnenen Eizellen zu Forschungszwecken freigäben. Infolgedessen gingen die Kliniken dazu über, Frauen in anderen Ländern Eizellen zu entnehmen, mit dem tiefgefrorenen  importierten Samen britischer Männer zu befruchten und die so erzeugten Embryonen dann nach  Großbritannien zurückzubringen.

Indem britische Kliniken, unterstützt von der Nationalbehörde für Fortpflanzung und Embryologie (Human  Fertility and Embryology Authority" HFEA), so einen Markt für den Import schüfen, bereiteten sie dieser  neuen Form des Kolonialismus in den Ländern Osteuropas den Weg. Die extreme Ausbeutung junger  Frauen durch Fortpflanzungskliniken schilderte der Bukarester Rechtsanwalt George Mãgureanu. Er  vertritt gegenwärtig zwei Arbeiterinnen im Alter von 19 und 23 Jahren, denen für die Spende von zwanzig  Eizellen in der von dem israelischen Mediziner Ilyia Barr betriebenen "Global Art"-Klinik in Bukarest  einmalig 250 Dollar gezahlt worden seien, etwas mehr als zwei Monatsgehälter.

Über die Gewinnspanne der Klinik könne man angesichts der Preise von mehreren tausend Euro für eine  IVF-Behandlung mit gespendeten Eizellen in den Empfängerländern nur Mutmaßungen anstellen. Die  ungenügende Aufklärung der beiden wenig gebildeten Frauen über die Risiken der Behandlung wie auch  die einseitigen Vertragsbedingungen, darunter das rechtswidrige Verbot der Konsultation anderer Ärzte  und der rumänischen Behörden wie auch der Ausschluss der Haftung der Klinik, verstießen gravierend  gegen rumänisches Recht. Bezeichnend sei, dass die Frauen die Verträge erst unmittelbar nach dem  Eingriff unterzeichnet hätten und kurz danach aus der Klinik entlassen worden seien, ohne dass man in der Folgezeit auf ihre Anrufe wegen der dann eintretenden Nebenwirkungen reagiert habe. Die Klinik sei  mit privatem Wachpersonal gesichert und nur nach Anmeldung zu betreten gewesen.

Eine der Frauen leide immer noch unter OHSS. Die Behandlung der jungen Frauen sei von der hierauf  nicht spezialisierten rumänischen Ärztin Ioana Ghionescu vorgenommen worden, gegen die mittlerweile  im einem Disziplinarverfahren ein einjähriges Berufsverbot verhängt worden sei - minimal im Angesicht  der schwerwiegenden Rechtsverstöße.

Der Skandal um die beiden Bukarester Kliniken "Global Art" und "Global Med Rom", welche zu Barrs  "International Fertility Medical Center" mit Verbindungen zu einer Muttergesellschaft auf den  Jungferninseln gehören, hatte Ende 2004 die europäische Öffentlichkeit alarmiert. Die damaligen  Meldungen der BBC haben inzwischen sowohl das Europäische Parlament (im März) als auch den  Deutschen Bundestag (im Juni) zu Entschließungen gegen den Handel mit menschlichen Eizellen veranlasst.

Großes Erstaunen erregte Mãgureanu mit seiner Feststellung, die "Global Art"-Klinik in Bukarest habe im  Mai angesichts der negativen Berichterstattung von selbst "vorläufig" den Betrieb eingestellt" sie sei -  anders als von der rumänischen Justizministerin Monica Macovei gegenüber der Grünen-Politikerin  Hiltrud Breyer behauptet - nicht etwa von den rumänischen Behörden zwangsweise geschlossen worden.  Mãgureanu zufolge verläuft das staatsanwaltliche Ermittlungsverfahren in den beiden von ihm vertretenen  Fällen sehr schleppend. Auch sei es nahezu unmöglich, in Rumänien einen Gutachter zu finden, der die  Folgeleiden der jungen Frauen beurteilen wolle.

Dabei seien sie keine Einzelfälle: Nach einem Talkshow- Auftritt einer der beiden Frauen hätten sich  zahlreiche Frauen beim rumänischen Fernsehen gemeldet und ähnliche Erfahrungen berichtet. Auf den  Zusammenhang zwischen Eizellspende, IVF und Stammzellforschung machte die britische Soziologin  Hilary Rose aufmerksam: Die heutige Routine bei der IVF mit Überstimulation mache viele Eizellen  verfügbar und liefere so den Rohstoff für die Stammzellforschung, obwohl deren Versprechungen lange  nicht so schnell einzulösen seien wie es der Begriff "therapeutisches Klonen" suggeriere. Rose kritisierte,  daß die Forscher bei den jüngsten Klon-Experimenten in Südkorea auf "freiwillig" gespendete Eizellen von  jungen Doktorandinnen des Teams zurückgegriffen hätten, was von der Öffentlichkeit kaum registriert  worden sei.

Die CORE-Vorsitzende Quintavalle ergänzte, in Großbritannien gehe der Trend dahin, alles unter einem  Dach anzusiedeln: Viele Fortpflanzungskliniken unterhielten zugleich eigene Stammzellforschungseinrichtungen und besäßen zusätzlich - wie im Falle einer Klinik in Newcastle - eine  Lizenz zum Klonen. Dies führe angesichts des hohen Bedarfs an frischen Eizellen für Klon-Experimente  zu Interessenkonflikten, zugleich tue sich ein gigantischer Wachstumsmarkt auf.

Die saarländische Grünen-Abgeordnete Hiltrud Breyer, Vorsitzende der interfraktionellen Arbeitsgruppe  Bioethik, erläuterte die Resolution des Europäischen Parlaments gegen die Eizellspende und die  Finanzierung embryonaler Stammzellforschung aus EU-Mitteln vom 10. März. Das Mißtrauen gegenüber  der britischen Behörde HFEA sei als ein wichtiger Grund für den Erfolg der Resolution anzusehen, denn in  dem "Global Art"-Skandal habe die HFEA versagt und den Import der Embryonen nach Großbritannien  ausdrücklich gebilligt.

Breyer vertrat die Ansicht, daß wegen der momentanen Vertrauenskrise in Europa eine Rückbesinnung  auf die ethischen Werte und das Recht vonnöten seien. Daher solle im 7. EU-Forschungs-Rahmenprogramm keine "verbrauchende" Embryonenforschung mehr gefördert werden. Es sei ohnehin  unverständlich, dass wegen des extrem geringen Anteils dieser Forschung am Gesamtbetrag - für das 6.  Forschungs- Rahmenprogramm bezifferte ihn der zuständige Forschungskommissar Janez Poto nik auf  0,0002 Prozent - ein solch großer Konflikt provoziert werde. Offensichtlich gehe es darum, in allen  Mitgliedstaaten die Tür zur Forschung an embryonalen Stammzellen zu öffnen. Breyer hob hervor, dass  ab April 2006 die europäische Gewebe- Richtlinie in Kraft treten werde, nach welcher der Handel mit  Eizellen in ganz Europa verboten sein werde.

Heftiger Widerspruch kam von drei belgischen Wissenschaftlern aus dem Publikum von der Universität  Gent und der Katholischen Universität Löwen. Der Genter Bioethiker Guido Pennings, zugleich  Koordinator der Arbeitsgruppe Ethik und Recht bei der Europäischen Gesellschaft für Fortpflanzungsmedizin und Embryologie (ESHRE), warf Breyer vor, sich mit ihren moralischen  Ansprüchen hinter dem Recht zu verstecken. Er plädierte für eine in den einzelnen Mitgliedstaaten  unterschiedliche Zulässigkeit von Eizellspenden, Embryonenhandel, Stammzellforschung und Klonen.  Pennings hatte sich erst Mitte Juni auf der ESHRE-Jahreskonferenz in Kopenhagen für die Zulassung  grenzüberschreitenden "Reproduktionstourismus" ausgesprochen als "Sicherheitsventil" zur Bewahrung  "friedlicher Koexistenz" unterschiedlicher Moralvorstellungen in Europa. Breyers Hinweis auf die europäische Gewebe-Richtlinie quittierte Pennings mit dem maliziösen Ausruf "Wer kümmert sich schon  um europäisches Recht?" 

Diese Heftigkeit, mit der Pennings und seine Kollegen sich auf der Konferenz gegen die rechtlichen  Grenzen der Fortpflanzungsmedizin wehrten, und die darin zum Ausdruck gebrachte Verachtung des  Rechts- und Wertefundaments Europas lässt für die kommenden politischen Auseinandersetzungen  nichts Gutes erwarten. Schließlich weigern sich auch die zuständigen Europäischen Kommissare für  Forschung und Gesundheit, der Slowene Janez Potocnik und der Zyprer Markos Kyprianou, bisher  beharrlich, eine eindeutige Position zur Eizellspende und zum Embryonenhandel zu beziehen. 

Quelle:  http://www.die-tagespost.de/Archiv/titel_anzeige.asp?ID15438